Finanzkrise
Die USA, ein Schwellenland? (12.09.08)
Am zweiten Septemberwochenende übernahm die US-Regierung die Kontrolle über die zwei grossen US-Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac. Diese De Facto-Verstaatlichung zeigt, was man bislang nur von Entwicklungs- und Schwellenländern kannte: Die Politik richtet sich in vorauseilendem Gehorsam nach den Interessen ausländischer Geldgeber. |
Für Länder wie Brasilien ist es nichts Neues, dass die «internationalen Finanzmärkte», sprich: ausländische Gläubiger und ihre Interessenvertreter, die Politik bestimmen. Als im brasilianischen Vorwahlkampf 2002 der Ex-Gewerkschafter und Kandidat der Linken Luiz Inácio Lula da Silva weit in Führung lag, brach der Wechselkurs ein und die Börse tauchte um elf Prozent. Zugleich korrigierte die Ratingagentur Moodys die Aussichten für Brasilien: Der «Risikoaufschlag» gegenüber US-Staatsanleihen verdoppelte sich. Dadurch explodierten die Kosten für den Schuldendienst und die Regierung musste einen Beistandskredit des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Anspruch nehmen.
Ein Ex-Mitarbeiter der US-Zentralbank forderte daraufhin: «Der IWF sollte von allen Präsidentschaftskandidaten eine schriftliche Verpflichtung auf die Politik verlangen, welche ihre Regierung verfolgen wird.» Im Klartext heisst das: Demokratie ist auf die Wahl von Personen reduziert, Wirtschaftspolitik steht nicht mehr zur Debatte. Tatsächlich wagte Lula keine grundsätzlichen Änderungen, was die Möglichkeiten seiner Regierung empfindlich einschränkte, ihre Wahlversprechen für mehr Gerechtigkeit zu erfüllen.
Nun wurde das Mutterland der globalen Finanzmärkte von einem ähnlichen Schicksal ereilt. Natürlich gab es auch innenpolitische Gründe, den Kollaps von Fannie und Freddie zu verhindern, 2008 stammten schliesslich 80 Prozent der Immobilienfinanzierung von den beiden Kolossen. Auslöser war aber die Befürchtung, dass deren Grossgläubiger, allen voran die Zentralbanken von China, Japan, Südkorea und Taiwan, ihre Schuldtitel (Obligationen) abstossen könnten. Die Verstaatlichung machte also primär klar, dass die Schulden der beiden Banken weiter bedient werden. Im Unterschied zu den ausländischen Obligationengläubigern gingen die Aktionäre leer aus, darunter viele kleinere US-Banken.
Verstaatlichung in der US-Version bedeutet also: Gewinne werden privatisiert, Verluste sozialisiert. Seit ihrer Privatisierung genossen Fannie Mae und das ihr zur Seite gestellte Konkurrenzunternehmen Freddie Mac einen Riesenvorteil. Weil sie «too big to fail» sind, also zu gross, um unterzugehen, hatten sie von Beginn weg eine implizite Staatsgarantie. Deshalb konnten sie sich zu günstigen Zinsen verschulden. Bis 2005 sparten sie so sagenhafte 182 Milliarden Dollar – de facto eine staatliche Subvention. Der Betrag entspricht fast den 200 Milliarden Dollar, die die Rettung der beiden Banken den Staat nun zusätzlich kosten soll. Nur ein Bruchteil diese Startvorteils (16%) wurde an die Hausbesitzer in Form von niedrigeren Hypothekarzinsen weitergegeben. Den Rest strichen die Aktionäre ein, und auch das Top-Management sahnte ab. Insofern geht es in Ordnung, dass die Aktionäre jetzt leer ausgehen. Wer allerdings seine Aktien rechtzeitig verkauft hat, profitierte von der Privatisierung der Gewinne.
Kein Wunder, dass Martin Wolf, der Chefkolumnist der Financial Times, nun sarkastisch kommentiert: «(Die Verstaatlichung) erspart uns für eine lange Zeit Predigten über die heilige Rolle freier Finanzmärkte.» Selbst die Börsenkurse erholen sich mittlerweile nur noch nach staatlichen Eingriffen: Kurzfristige Kurssteigerungen gab es nach Zinssenkungen, nach der Rettung der Investment-Bank Bear Stearns, dem Teilverbot von Short-Selling und zuletzt nach der Übernahme von Fannie Mae und Freddie Mac.
Mit der Verstaatlichung hat sich die Verschuldung der US-Regierung auf einen Schlag verdoppelt. 5400 Milliarden Dollar oder 40 Prozent des Bruttoinlandprodukts betragen die Schulden der beiden Hypothekenbanken. Zur Stabilität der globalen Finanzmärkte trägt das sicher nicht bei. Das vor allem für die USA ungemütlichste Szenario bleibt ein plötzlicher Abzug der ausländischen Investoren, zum Beispiel weil die wachsende Inflation die Renditen aufzehrt. Solche Finanzkrisen haben Länder wie Thailand, Brasilien, Russland, Argentinien wiederholt so weit zurückgeworfen, dass sie die Schwelle zum Industrieland bis heute nicht überschreiten konnten.
Dennoch wäre es kein Akt ausgleichender Gerechtigkeit, wenn die ausländischen Investoren die USA fallen lassen würden. Denn die USA sind einfach «too big». Eine US-amerikanische Eskalation der Finanzkrise würde auch den Rest der Welt erschüttern - das wäre der Gipfel der Ungerechtigkeit.
Andreas Missbach
Ein Ex-Mitarbeiter der US-Zentralbank forderte daraufhin: «Der IWF sollte von allen Präsidentschaftskandidaten eine schriftliche Verpflichtung auf die Politik verlangen, welche ihre Regierung verfolgen wird.» Im Klartext heisst das: Demokratie ist auf die Wahl von Personen reduziert, Wirtschaftspolitik steht nicht mehr zur Debatte. Tatsächlich wagte Lula keine grundsätzlichen Änderungen, was die Möglichkeiten seiner Regierung empfindlich einschränkte, ihre Wahlversprechen für mehr Gerechtigkeit zu erfüllen.
Nun wurde das Mutterland der globalen Finanzmärkte von einem ähnlichen Schicksal ereilt. Natürlich gab es auch innenpolitische Gründe, den Kollaps von Fannie und Freddie zu verhindern, 2008 stammten schliesslich 80 Prozent der Immobilienfinanzierung von den beiden Kolossen. Auslöser war aber die Befürchtung, dass deren Grossgläubiger, allen voran die Zentralbanken von China, Japan, Südkorea und Taiwan, ihre Schuldtitel (Obligationen) abstossen könnten. Die Verstaatlichung machte also primär klar, dass die Schulden der beiden Banken weiter bedient werden. Im Unterschied zu den ausländischen Obligationengläubigern gingen die Aktionäre leer aus, darunter viele kleinere US-Banken.
Sozialismus für die Reichen
Verstaatlichung in der US-Version bedeutet also: Gewinne werden privatisiert, Verluste sozialisiert. Seit ihrer Privatisierung genossen Fannie Mae und das ihr zur Seite gestellte Konkurrenzunternehmen Freddie Mac einen Riesenvorteil. Weil sie «too big to fail» sind, also zu gross, um unterzugehen, hatten sie von Beginn weg eine implizite Staatsgarantie. Deshalb konnten sie sich zu günstigen Zinsen verschulden. Bis 2005 sparten sie so sagenhafte 182 Milliarden Dollar – de facto eine staatliche Subvention. Der Betrag entspricht fast den 200 Milliarden Dollar, die die Rettung der beiden Banken den Staat nun zusätzlich kosten soll. Nur ein Bruchteil diese Startvorteils (16%) wurde an die Hausbesitzer in Form von niedrigeren Hypothekarzinsen weitergegeben. Den Rest strichen die Aktionäre ein, und auch das Top-Management sahnte ab. Insofern geht es in Ordnung, dass die Aktionäre jetzt leer ausgehen. Wer allerdings seine Aktien rechtzeitig verkauft hat, profitierte von der Privatisierung der Gewinne.
Kein Wunder, dass Martin Wolf, der Chefkolumnist der Financial Times, nun sarkastisch kommentiert: «(Die Verstaatlichung) erspart uns für eine lange Zeit Predigten über die heilige Rolle freier Finanzmärkte.» Selbst die Börsenkurse erholen sich mittlerweile nur noch nach staatlichen Eingriffen: Kurzfristige Kurssteigerungen gab es nach Zinssenkungen, nach der Rettung der Investment-Bank Bear Stearns, dem Teilverbot von Short-Selling und zuletzt nach der Übernahme von Fannie Mae und Freddie Mac.
Mit der Verstaatlichung hat sich die Verschuldung der US-Regierung auf einen Schlag verdoppelt. 5400 Milliarden Dollar oder 40 Prozent des Bruttoinlandprodukts betragen die Schulden der beiden Hypothekenbanken. Zur Stabilität der globalen Finanzmärkte trägt das sicher nicht bei. Das vor allem für die USA ungemütlichste Szenario bleibt ein plötzlicher Abzug der ausländischen Investoren, zum Beispiel weil die wachsende Inflation die Renditen aufzehrt. Solche Finanzkrisen haben Länder wie Thailand, Brasilien, Russland, Argentinien wiederholt so weit zurückgeworfen, dass sie die Schwelle zum Industrieland bis heute nicht überschreiten konnten.
Dennoch wäre es kein Akt ausgleichender Gerechtigkeit, wenn die ausländischen Investoren die USA fallen lassen würden. Denn die USA sind einfach «too big». Eine US-amerikanische Eskalation der Finanzkrise würde auch den Rest der Welt erschüttern - das wäre der Gipfel der Ungerechtigkeit.
Andreas Missbach


