Fussball WM 2006
Fussball WM 2006 - Lehrstück der Globalisierung (15.06.06)
Fussball ist heute ein im globalen Massstab betriebenes Geschäft. Dass die damit verbundene wirtschaftliche Dynamik sowohl Reichtum als auch Armut produziert, zeigt das Beispiel der Sportbekleidungsindustrie. Wer verfolgt, wie etwa ein Fussballleibchen hergestellt wird, hört viele Lippenbekenntnisse, trifft auf ausgebeutete Näherinnen und immer besser verdienende Manager. |
Die Ökonomie des Weltfussballs ist ein Lehrstück zur Globalisierung. Und das Kräfteverhältnis auf dem Spielfeld könnte nicht unausgewogener sein: Auf der einen Seite stehen die Profiteure und Abzocker, auf der anderen Seite die Ausgebeuteten. Seit dem 19. Jahrhundert ist Fussball ein globales Phänomen, doch erst in den letzten drei Jahrzehnten hat sich dessen Charakter fundamental geändert: Heute geht es auch um die ökonomische Verwertung des Sports. Aus einzelnen Spitzenklubs wie Real Madrid, Manchester United oder Bayern München sind Grosskonzerne geworden. Fussballstars bekommen astronomische Sponsoringgehälter von den multinationalen Markenfirmen. Dieselben Sportbekleidungsfirmen lassen aber die offiziellen Mannschaftstrikots zu Hungerlöhnen produzieren. So bezahlt beispielsweise Adidas Zinedine Zidane jährlich rund 2,3 Millionen Franken. Dafür müsste eine T-Shirt-Näherin in El Salvador tausend Jahre lang jeden Tag zum gesetzlichen Mindestlohn in der Fabrik arbeiten – nonstop.
Ums ganz grosse Geld gehts aber bei der Weltmeisterschaft. Der Weltfussballverband Fifa rechnet für die nächste WM-Periode (2007–2010) mit Einnahmen von drei Milliarden US-Dollar. Übers Fernsehen und dank neusten Internet- und Handy-Technologien wird bereits die WM 2006 ein Publikum von mehr als fünf Milliarden Menschen erreichen.
Diese mediale Verbreitung bildet das Fundament für die Vermarktung der Fussballtrikots und Sportartikel. Wer Lizenzgebühren bezahlt, darf das Fifa-Emblem oder das WM-Logo auf seinen Produkten vermarkten. Mit einem Mitarbeiterstab von rund hundert Personen und einem WM-Marketing-Budget von fast einer Milliarde Euro kurbelt Hauptsponsor Adidas den Verkauf seiner Artikel an. Dem setzt Nike ein jährliches Werbebudget von fast zwei Milliarden US-Dollar entgegen. Nike bezahlt alleine der Nationalmannschaft von Titelverteidiger Brasilien jährlich sechzehn Millionen US-Dollar. Brasilien ist aber nur eine von acht Nike-Mannschaften. Adidas sponsert sechs und Puma sogar deren elf, darunter die Schweizer Nationalelf.
Gigantische Profite
Steigende Umsätze mit Markenartikeln spülen gigantische Summen in die Kassen der Markenfirmen. Nike schrieb fürs Jahr 2005 einen Gewinn von 1,2 Milliarden US-Dollar bei einem Umsatz von 13,7 Milliarden. Mit einem Zuwachs von 89 Prozent bei den Managerlöhnen belegte Adidas 2005 unter den börsenkotierten Unternehmen in Deutschland einen Spitzenplatz. Bei Puma stiegen die Umsätze 2005 um 18 Prozent auf 2,4 Milliarden Euro.
Nicht alle profitieren gleichermassen vom Fussball-Business. Um für die Arbeitsbedingungen in den Kleiderfabriken möglichst keine Verantwortung zu übernehmen, haben Firmen wie Nike die gesamte Produktion ausgelagert. In über 750 Fabriken auf allen Kontinenten werden von 650000 Beschäftigten die Nike-Artikel hergestellt. Die Lieferanten stehen alle in Konkurrenz zueinander, egal ob sie in China, Honduras, Indonesien oder Vietnam produzieren. Aufträge erhält nur, wer immer billiger und schneller produziert.
Hungerlöhne
Dieser Druck lastet schliesslich direkt auf den Schultern der NäherInnen. Sie bezahlen den hohen Preis für die billigen Produktionskosten oft mit ihrer Gesundheit und opfern ihr Privatleben. Sie arbeiten mit strenger Disziplin viele Stunden pro Tag und müssen dabei Beschimpfungen und Hungerlöhne in Kauf nehmen. Überstunden werden nicht entschädigt. Oft wird den Beschäftigten ein regulärer Arbeitsvertrag verweigert, um die gesetzlichen Sozialversicherungen zu umgehen. Arbeiterinnen werden auch körperlich misshandelt, und selbst die Anzahl und Dauer der Toilettenbesuche ist Gegenstand für Arbeitskonflikte.
Besonders Gewerkschaftsmitglieder in den Sportbekleidungsfabriken sehen sich oftmals mit Diskriminierung, Belästigung, Entlassungen oder sogar gewaltsamer Einschüchterung konfrontiert. Die Gewerkschaftsrechte werden meist missachtet, selbst in den Ländern, wo die Gewerkschaftsrechte gesetzlich garantiert werden. Davon besonders betroffen sind die Frauen, die über achtzig Prozent der Belegschaften stellen.
Missbrach der Macht
Termingerecht zur Fussball-WM veröffentlichte die internationale Entwicklungsorganisation Oxfam ihren Bericht «Abseits! Arbeitsnehmerrechte und die Herstellung von Sportbekleidung in Asien»: Untersucht wurden zwölf Sportartikelfirmen (Adidas, Asics, Kappa, Lotto, Mizuno, New Balance, Nike, Pentland, Puma, Reebok, Fila, Umbro). Der Fokus der Studie richtet sich auf die Massnahmen der Firmen, die es auch den Angestellten von Lieferanten ermöglichen sollte, eine Gewerkschaft zu gründen und kollektiv für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen zu verhandeln. Der Bericht bestätigt, dass sich einige Firmen dem Thema Arbeitsbedingungen angenommen haben. Reebok beispielsweise hat ernsthaft versucht, selbst in Ländern, in denen Gewerkschaftsrechte gesetzlich eingeschränkt sind, demokratische Vertretungen in den Betrieben aufzubauen. Einzelne Verbesserungen erzielt haben auch Adidas, Asics, Nike und Puma. Die in den USA angesiedelte Markenfirma Fila hat gemäss dem Bericht am Wenigsten gegen die Arbeitsrechtsverletzungen unternommen. Trotz mehreren Skandalfällen und dringendem Handlungsbedarf war Fila nicht einmal mehr zu Gesprächen bereit.
Der Bericht kommt zum Schluss, dass «keine Sportmarke gegenwärtig Richtlinien und Verfahren hat, die wirksam verhindern, dass ihre Zulieferer Werke ausschliessen, in denen sich ArbeiterInnen gewerkschaftlich organisiert haben». Die internationalen Konzerne können rechtlich meist nicht direkt belangt werden. Sie missbrauchen diese Machtposition und erhöhen den Druck. Adidas kündigte im Jahr 2003 an, die Lieferfristen für Bekleidung von 120 auf 90 Tage zu reduzieren. Gleichzeitig gaben Produzenten in Honduras an, dass der Produzentenpreis für T-Shirts innerhalb von drei Jahren um 23 Prozent gesunken sei.
Teamgeist unerwünscht
Selbst bei den «Klassenbesten» genügt das Engagement nicht, um die Missachtung der Arbeitsrechte zu überwinden. In Bezug auf Transparenz haben sie sich verbessert. Sie haben begonnen, ihre Lieferanten zu kontrollieren. Doch neben dem erwähnten Preis- und Zeitdruck untergräbt die Beschaffungspolitik auch bei Adidas, Nike und Puma eine effektive Verbesserung der Arbeitsbedingungen. So verfolgt Nike offenbar eine Verlagerungsstrategie in gewerkschaftsfreie Länder. Seit 1998 ist die Sportschuhproduktion von Nike in Ländern, in denen die Vereinigungsfreiheit gesetzlich garantiert ist, von 52 Prozent auf 38 Prozent zurückgegangen.
Obwohl der WM-Fussball von Adidas «Teamgeist» heisst und fünfzehn Millionen Mal verkauft werden soll, schert sich auch Adidas nicht wirklich um die Vereinigungsfreiheit. Nachdem die Belegschaft des langjährigen Adidas-Lieferanten Hermosa in El Salvador im April 2005 eine Gewerkschaft gegründet hatte, wurde der Betrieb geschlossen. Der Besitzer schuldet der Belegschaft noch die letzten Löhne, Überstundenentschädigungen und Sozialversicherungsbeiträge. Trotz vielen Lippenbekenntnissen hat Adidas in diesem Fall bisher ihre Verantwortung nicht wahrgenommen und keine Beiträge an den geforderten Entschädigungsfonds bezahlt. Ebenfalls schlecht bestellt ist es um die Organisationsfreiheit beim indonesischen Lieferanten Panarub. Ende 2005 wurden 33 Gewerkschaftsmitglieder wegen eines Arbeitskonflikts entlassen. Trotz zahlreicher Appelle hat Adidas bisher die Wiedereinstellung dieser unrechtmässig Entlassenen nicht durchgesetzt.
Auch Puma hat begonnen, mit Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) zusammenzuarbeiten. Der Ausrüster der Schweizer Nationalelf ist aber wie Adidas und Nike nicht bereit, allen Angestellten einen existenzsichernden Lohn zu garantieren.
Ineffizienz und Willkür
Die Sportbekleidungsfirmen fördern Strukturen, die weder effizient noch fortschrittlich sind. Sie arbeiten mit hunderten von unabhängigen Produzenten, um die Aufträge jederzeit beim billigsten Anbieter zu platzieren. Dieser Druck verhindert eine effiziente Produktion und eine geordnete Arbeitsplanung in den Fabriken. Wenn die Auftragslage hoch ist, wird rund um die Uhr gearbeitet. Damit steigt die Fehlerquote. Als Reaktion darauf verschleudern die Markenfirmen grosse Geldsummen für die Qualitätskontrolle. Trotzdem sinkt die Qualität bei der Bekleidung stetig. Die ArbeiterInnen halten den Fabrikstress nicht lange aus und sind nach wenigen Jahren völlig ausgebrannt. Eine Untersuchung bei 900 Fabriken hat ergeben, dass die Fluktuation der Belegschaften bei sechzig Prozent pro Jahr liegt. Oft fehlen deshalb erfahrene und qualifizierte Arbeitskräfte. Ohne Rentenansprüche und ohne Arztgeld zur Pflege von Verletzungen und körperlichen Beschwerden kehren die Menschen in ihre Hütten zurück. Leben sie weiter in den Armensiedlungen der Textilzentren, müssen sie auch noch die Umweltverschmutzung der Färbereien ertragen und von verseuchtem Trinkwasser leben.
In China führt diese Unterdrückung jährlich zu tausenden von Streiks. Eigentliche Hungerrevolten brechen oft aus, weil die Fabrikherren die Löhne über Monate nicht ausbezahlen. Nach einer Serie von vier Fabrikunfällen mit zusammen über 150 Todesopfern und einem Vielfachen an Verletzten gingen die Menschen in Bangladesch auf die Strasse. Sie demonstrierten für mehr Sicherheit und für die Auszahlung ausstehender Löhne und Überstundenentschädigungen. Bei einer Demonstration Ende Mai 2006 eröffneten die Sicherheitskräfte das Feuer gegen die Wehrlosen und Verzweifelten und tötete mindestens zwei Arbeiter, unzählige wurden teilweise schwer verletzt.
Die Arbeitskonflikte in den Weltmarktfabriken bringen nicht nur Bangladesch an den Rand des gesellschaftlichen Kollapses. In vielen Ländern verbreiten sich Willkür und Rechtsunsicherheit. Dabei würde es primär an den Regierungen liegen, für die Durchsetzung ihrer Gesetze zu sorgen. Freiwillige Initiativen wie Verhaltenskodizes sind kein Ersatz für Gesetzgebung und Rechtssprechung.
Kein Gehör für Ethik
Zum Speckgürtel der Fussballökonomie gehört auch die Schweiz. Hier sitzen die hochdotierten Funktionäre, und hier wird zwischen dem Sportbusiness und dem Bekleidungsbusiness verhandelt. Sowohl die Fifa (Sitz in Zürich) als auch der europäische Fussballverband Uefa und das Internationale olympische Komitee (beide mit Sitz in Lausanne) verweisen in der Frage der Arbeitsrechte auf die Verantwortung der Markenfirmen. Der dabei angesprochene Weltverband der Sportartikelindustrie (WFSGI) führt seinen Sitz in den Walliser Alpen. Hier findet Ethik wenig Gehör. Der Sozialkodex des WFSGI wurde von den Mitgliedsfirmen bestimmt. Die Sportverbände geben sich damit zufrieden, verzichten auf international vereinbarte Sozialstandards und setzen weiter auf das lukrative Sponsoring. Sie werden zu Komplizen der Unternehmen und helfen mit, dass Arbeits- und Menschenrechte weiter missachtet werden.
Dieser Artikel von Stefan Indermühle, Koordinator der Clean Clothes Campaign Schweiz, erschien am 15. Juni 2006 in der Wochenzeitung WOZ.
Ums ganz grosse Geld gehts aber bei der Weltmeisterschaft. Der Weltfussballverband Fifa rechnet für die nächste WM-Periode (2007–2010) mit Einnahmen von drei Milliarden US-Dollar. Übers Fernsehen und dank neusten Internet- und Handy-Technologien wird bereits die WM 2006 ein Publikum von mehr als fünf Milliarden Menschen erreichen.
Diese mediale Verbreitung bildet das Fundament für die Vermarktung der Fussballtrikots und Sportartikel. Wer Lizenzgebühren bezahlt, darf das Fifa-Emblem oder das WM-Logo auf seinen Produkten vermarkten. Mit einem Mitarbeiterstab von rund hundert Personen und einem WM-Marketing-Budget von fast einer Milliarde Euro kurbelt Hauptsponsor Adidas den Verkauf seiner Artikel an. Dem setzt Nike ein jährliches Werbebudget von fast zwei Milliarden US-Dollar entgegen. Nike bezahlt alleine der Nationalmannschaft von Titelverteidiger Brasilien jährlich sechzehn Millionen US-Dollar. Brasilien ist aber nur eine von acht Nike-Mannschaften. Adidas sponsert sechs und Puma sogar deren elf, darunter die Schweizer Nationalelf.
Gigantische Profite
Steigende Umsätze mit Markenartikeln spülen gigantische Summen in die Kassen der Markenfirmen. Nike schrieb fürs Jahr 2005 einen Gewinn von 1,2 Milliarden US-Dollar bei einem Umsatz von 13,7 Milliarden. Mit einem Zuwachs von 89 Prozent bei den Managerlöhnen belegte Adidas 2005 unter den börsenkotierten Unternehmen in Deutschland einen Spitzenplatz. Bei Puma stiegen die Umsätze 2005 um 18 Prozent auf 2,4 Milliarden Euro.
Nicht alle profitieren gleichermassen vom Fussball-Business. Um für die Arbeitsbedingungen in den Kleiderfabriken möglichst keine Verantwortung zu übernehmen, haben Firmen wie Nike die gesamte Produktion ausgelagert. In über 750 Fabriken auf allen Kontinenten werden von 650000 Beschäftigten die Nike-Artikel hergestellt. Die Lieferanten stehen alle in Konkurrenz zueinander, egal ob sie in China, Honduras, Indonesien oder Vietnam produzieren. Aufträge erhält nur, wer immer billiger und schneller produziert.
Hungerlöhne
Dieser Druck lastet schliesslich direkt auf den Schultern der NäherInnen. Sie bezahlen den hohen Preis für die billigen Produktionskosten oft mit ihrer Gesundheit und opfern ihr Privatleben. Sie arbeiten mit strenger Disziplin viele Stunden pro Tag und müssen dabei Beschimpfungen und Hungerlöhne in Kauf nehmen. Überstunden werden nicht entschädigt. Oft wird den Beschäftigten ein regulärer Arbeitsvertrag verweigert, um die gesetzlichen Sozialversicherungen zu umgehen. Arbeiterinnen werden auch körperlich misshandelt, und selbst die Anzahl und Dauer der Toilettenbesuche ist Gegenstand für Arbeitskonflikte.
Besonders Gewerkschaftsmitglieder in den Sportbekleidungsfabriken sehen sich oftmals mit Diskriminierung, Belästigung, Entlassungen oder sogar gewaltsamer Einschüchterung konfrontiert. Die Gewerkschaftsrechte werden meist missachtet, selbst in den Ländern, wo die Gewerkschaftsrechte gesetzlich garantiert werden. Davon besonders betroffen sind die Frauen, die über achtzig Prozent der Belegschaften stellen.
Missbrach der Macht
Termingerecht zur Fussball-WM veröffentlichte die internationale Entwicklungsorganisation Oxfam ihren Bericht «Abseits! Arbeitsnehmerrechte und die Herstellung von Sportbekleidung in Asien»: Untersucht wurden zwölf Sportartikelfirmen (Adidas, Asics, Kappa, Lotto, Mizuno, New Balance, Nike, Pentland, Puma, Reebok, Fila, Umbro). Der Fokus der Studie richtet sich auf die Massnahmen der Firmen, die es auch den Angestellten von Lieferanten ermöglichen sollte, eine Gewerkschaft zu gründen und kollektiv für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen zu verhandeln. Der Bericht bestätigt, dass sich einige Firmen dem Thema Arbeitsbedingungen angenommen haben. Reebok beispielsweise hat ernsthaft versucht, selbst in Ländern, in denen Gewerkschaftsrechte gesetzlich eingeschränkt sind, demokratische Vertretungen in den Betrieben aufzubauen. Einzelne Verbesserungen erzielt haben auch Adidas, Asics, Nike und Puma. Die in den USA angesiedelte Markenfirma Fila hat gemäss dem Bericht am Wenigsten gegen die Arbeitsrechtsverletzungen unternommen. Trotz mehreren Skandalfällen und dringendem Handlungsbedarf war Fila nicht einmal mehr zu Gesprächen bereit.
Der Bericht kommt zum Schluss, dass «keine Sportmarke gegenwärtig Richtlinien und Verfahren hat, die wirksam verhindern, dass ihre Zulieferer Werke ausschliessen, in denen sich ArbeiterInnen gewerkschaftlich organisiert haben». Die internationalen Konzerne können rechtlich meist nicht direkt belangt werden. Sie missbrauchen diese Machtposition und erhöhen den Druck. Adidas kündigte im Jahr 2003 an, die Lieferfristen für Bekleidung von 120 auf 90 Tage zu reduzieren. Gleichzeitig gaben Produzenten in Honduras an, dass der Produzentenpreis für T-Shirts innerhalb von drei Jahren um 23 Prozent gesunken sei.
Teamgeist unerwünscht
Selbst bei den «Klassenbesten» genügt das Engagement nicht, um die Missachtung der Arbeitsrechte zu überwinden. In Bezug auf Transparenz haben sie sich verbessert. Sie haben begonnen, ihre Lieferanten zu kontrollieren. Doch neben dem erwähnten Preis- und Zeitdruck untergräbt die Beschaffungspolitik auch bei Adidas, Nike und Puma eine effektive Verbesserung der Arbeitsbedingungen. So verfolgt Nike offenbar eine Verlagerungsstrategie in gewerkschaftsfreie Länder. Seit 1998 ist die Sportschuhproduktion von Nike in Ländern, in denen die Vereinigungsfreiheit gesetzlich garantiert ist, von 52 Prozent auf 38 Prozent zurückgegangen.
Obwohl der WM-Fussball von Adidas «Teamgeist» heisst und fünfzehn Millionen Mal verkauft werden soll, schert sich auch Adidas nicht wirklich um die Vereinigungsfreiheit. Nachdem die Belegschaft des langjährigen Adidas-Lieferanten Hermosa in El Salvador im April 2005 eine Gewerkschaft gegründet hatte, wurde der Betrieb geschlossen. Der Besitzer schuldet der Belegschaft noch die letzten Löhne, Überstundenentschädigungen und Sozialversicherungsbeiträge. Trotz vielen Lippenbekenntnissen hat Adidas in diesem Fall bisher ihre Verantwortung nicht wahrgenommen und keine Beiträge an den geforderten Entschädigungsfonds bezahlt. Ebenfalls schlecht bestellt ist es um die Organisationsfreiheit beim indonesischen Lieferanten Panarub. Ende 2005 wurden 33 Gewerkschaftsmitglieder wegen eines Arbeitskonflikts entlassen. Trotz zahlreicher Appelle hat Adidas bisher die Wiedereinstellung dieser unrechtmässig Entlassenen nicht durchgesetzt.
Auch Puma hat begonnen, mit Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) zusammenzuarbeiten. Der Ausrüster der Schweizer Nationalelf ist aber wie Adidas und Nike nicht bereit, allen Angestellten einen existenzsichernden Lohn zu garantieren.
Ineffizienz und Willkür
Die Sportbekleidungsfirmen fördern Strukturen, die weder effizient noch fortschrittlich sind. Sie arbeiten mit hunderten von unabhängigen Produzenten, um die Aufträge jederzeit beim billigsten Anbieter zu platzieren. Dieser Druck verhindert eine effiziente Produktion und eine geordnete Arbeitsplanung in den Fabriken. Wenn die Auftragslage hoch ist, wird rund um die Uhr gearbeitet. Damit steigt die Fehlerquote. Als Reaktion darauf verschleudern die Markenfirmen grosse Geldsummen für die Qualitätskontrolle. Trotzdem sinkt die Qualität bei der Bekleidung stetig. Die ArbeiterInnen halten den Fabrikstress nicht lange aus und sind nach wenigen Jahren völlig ausgebrannt. Eine Untersuchung bei 900 Fabriken hat ergeben, dass die Fluktuation der Belegschaften bei sechzig Prozent pro Jahr liegt. Oft fehlen deshalb erfahrene und qualifizierte Arbeitskräfte. Ohne Rentenansprüche und ohne Arztgeld zur Pflege von Verletzungen und körperlichen Beschwerden kehren die Menschen in ihre Hütten zurück. Leben sie weiter in den Armensiedlungen der Textilzentren, müssen sie auch noch die Umweltverschmutzung der Färbereien ertragen und von verseuchtem Trinkwasser leben.
In China führt diese Unterdrückung jährlich zu tausenden von Streiks. Eigentliche Hungerrevolten brechen oft aus, weil die Fabrikherren die Löhne über Monate nicht ausbezahlen. Nach einer Serie von vier Fabrikunfällen mit zusammen über 150 Todesopfern und einem Vielfachen an Verletzten gingen die Menschen in Bangladesch auf die Strasse. Sie demonstrierten für mehr Sicherheit und für die Auszahlung ausstehender Löhne und Überstundenentschädigungen. Bei einer Demonstration Ende Mai 2006 eröffneten die Sicherheitskräfte das Feuer gegen die Wehrlosen und Verzweifelten und tötete mindestens zwei Arbeiter, unzählige wurden teilweise schwer verletzt.
Die Arbeitskonflikte in den Weltmarktfabriken bringen nicht nur Bangladesch an den Rand des gesellschaftlichen Kollapses. In vielen Ländern verbreiten sich Willkür und Rechtsunsicherheit. Dabei würde es primär an den Regierungen liegen, für die Durchsetzung ihrer Gesetze zu sorgen. Freiwillige Initiativen wie Verhaltenskodizes sind kein Ersatz für Gesetzgebung und Rechtssprechung.
Kein Gehör für Ethik
Zum Speckgürtel der Fussballökonomie gehört auch die Schweiz. Hier sitzen die hochdotierten Funktionäre, und hier wird zwischen dem Sportbusiness und dem Bekleidungsbusiness verhandelt. Sowohl die Fifa (Sitz in Zürich) als auch der europäische Fussballverband Uefa und das Internationale olympische Komitee (beide mit Sitz in Lausanne) verweisen in der Frage der Arbeitsrechte auf die Verantwortung der Markenfirmen. Der dabei angesprochene Weltverband der Sportartikelindustrie (WFSGI) führt seinen Sitz in den Walliser Alpen. Hier findet Ethik wenig Gehör. Der Sozialkodex des WFSGI wurde von den Mitgliedsfirmen bestimmt. Die Sportverbände geben sich damit zufrieden, verzichten auf international vereinbarte Sozialstandards und setzen weiter auf das lukrative Sponsoring. Sie werden zu Komplizen der Unternehmen und helfen mit, dass Arbeits- und Menschenrechte weiter missachtet werden.
Dieser Artikel von Stefan Indermühle, Koordinator der Clean Clothes Campaign Schweiz, erschien am 15. Juni 2006 in der Wochenzeitung WOZ.
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