EvB - 35 Jahre Pionierarbeit (Referat Rudolf Strahm)
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Erklärung von Bern – 35 Jahre Pionierarbeit für eine globale Ethik
Rudolf Strahm
Referat Rudolf Strahm

Die Erklärung von Bern war nicht bloss ein Kind des Aufbruchs von 1968, vielmehr war sie auch ein Aufbegehren von Kirchenleuten und Intellektuellen gegen die damalige geistig-patriotische Enge des Zweiten Weltkrieges, bei einer Generation, die das geistige Klima der Schweiz noch zwei lange Jahrzehnte nach Kriegsende geprägt hatte.

Ich war von 1974 bis 1978 Sekretär der Erklärung von Bern, der erste mit einem einigermassen anständigen Lohn. In den Anfängen hatte Anne-Marie Holenstein von ihrem Wohnzimmer aus die ersten administrativen Arbeiten erledigt.

Die Erklärung von Bern war nicht nur eine papierene Institution, sondern eine echte Bewegung. Sie lancierte die Kultur der symbolischen und nicht-verbalen Aktionen – von Aktionen übrigens, die sich bis heute in der Praxis fortgesetzt haben.

Von Verkaufsaktionen zum Fair Trade-Konzept

Die ersten grossen Aktionen der EvB waren symbolische Verkaufsaktionen.
Wir begannen 1974 mit der „Kaffee-Aktion Ujamaa“. Mit löslichem Kaffeepulver aus Tansania wollten wir aufzeigen, dass die Entwicklungsländer den Rohstoff selber verarbeiten und damit mehr Verdienst erwerben könnten. Die erste Tonne Kaffeepulver aus Tansania füllten wir von Hand mit Löffeln in 10'000 100-Gramm-Gläser ab, später geschah es maschinell.

Mit der Aktion „Jute statt Plastic“ (ab 1975) wollten wir zwei Dinge zeigen: Dass man den Frauenkooperativen in Bangladesh Arbeit und Verdienst beschaffen könnte nach dem Motto „Trade not Aid“ (Handel statt Hilfe) und zweitens wollten wir die ökologischen Fragen rund um die Plasticwirtschaft darstellen: Erdölverbrauch, Kunststoff-Entsorgung, Wohlstandsmüll.

Ich war mehrere Male in Bangladesh, damals ein mausarmes Land nach dem Bürgerkrieg. Im Laufe der Jahre importierten wir Hunderttausende von handgemachten Jutetaschen, die mit ihrem Signet „Jute statt Plastic“ auch Meinungsbildner und Werbeträger waren. Sie wurden zum Symbol der Anfänge der Oekobewegung in der Schweiz, bald auch in Deutschland.

Aus diesen thematischen Aktionen sind damals 300 Dritte-Welt-Läden und „Magasins du Monde“ in der ganzen Schweiz entstanden, immer auf freiwilliger und unbezahlter Basis. Daraus ist die Importstelle OS3, später die Importgesellschaft „Claro“ entstanden, die bis heute die professionell geführten Welt-Läden mit Importprodukten aus der Dritten Welt versorgt.

Aus den Welt-Läden wiederum ist die Idee des „Fair trade“ herausgewachsen, und meine Vision ist, dass daraus Sozialstandards und Ökoklauseln in den Gatt/WTO-Handelsregeln Eingang finden.

So entsteht die Zivilisierung der Globalisierung: Zuerst bilden sich themenorientierte Bewegungen und lokale Gruppen, die gegen den Strom schwimmen; daraus wachsen nicht-gouvernementale Organisationen, die die Ideen hoffähig machen und professionell verbreiten, und danach beeinflussen sie politisch die grossen multilateralen Organisationen, welche die Ideen in rechtlich-institutionelle Spielregeln der interna-tionalen Wirtschaft einführen. Die Vorspurer sind nicht die Politiker, sondern solche Bewegungen der Zivilgesellschaft.


Von der Finanzplatz-Aktion zu Spielregeln für den Finanzplatz

1977 war der Chiasso-Skandal der Schweizerischen Kreditanstalt. Helmut Hubacher, damals Präsident der SP, reagiert mit der Idee einer Volksinitiative gegen die Kapitalflucht.

Schon Jahre zuvor (erstmals 1970) hatte die Dritte-Welt-Bewegung das Thema Kapitalflucht aufgegriffen. Bereits Anfang der 70er Jahre lancierte sie das Motto: „Es kommt weniger darauf an, mehr zu geben, als weniger zu nehmen.“

Anvisiert war die schon damals aufkommende Kapitalflucht auf Schweizer Bankkonti. Die Bankeninitiative (1978 – 1984) verband erstmals Kreise der Erklärung von Bern und der Kirchen mit SP-Kreisen. Im Schosse der Erklärung von Bern wurde die „Aktion Finanzplatz Schweiz – Dritte Welt“ gegründet. Diese Aktion besteht bis heute und wirkt als Bewusstseinsbildnerin in Sachen Kapitalflucht, Bankgeheimnis, Geldwäscherei und neu auch Entschuldung der Dritten Welt.

Ich konnte in Porto Alegre feststellen, dass sich nun in zahlreichen andern Ländern nicht-gouvernementalen Organisationen (NGO’s) mit Kapitalflucht und Offshore-Finanzplätzen (die Schweiz gehört dazu) intensiv befassen.

Die Bankeninitiative wurde zwar 1984 haushoch abgelehnt, doch die Erklärung von Bern und die Aktion Finanzplatz kämpften weiter. Seither hat der Finanzplatz Schweiz immerhin einige Spielregeln gegen Geldwäscherei und Korruptionsgelder eingeführt. Und die Schweiz wird weiterhin vom Ausland unter zunehmendem Druck stehen – in Zukunft auch von der OECD –, dass sie ihren Finanzplatz in Ordnung bringen und mit andern Ländern in Sachen Steuerflucht kooperieren muss. Der Bundesrat, der unter dem Wagenburg-Kampfruf von Bundesrat Villiger das Bankgeheimnis als „unverhandelbar“ kanonisiert hat, wird dann froh sein, bei der Erklärung von Bern und der Aktion Finanzplatz Ideen einholen zu können, wie mit andern Staaten in Sachen Steuerflucht zu kooperieren wäre.

Zivilisierung des globalen Kapitalismus

Wir sind auf einem jahrzehntelangen, beschwerlichen Weg, den globalen Kapitalismus mit sozialen und ökologischen Leitplanken zu zivilisieren. So wie es Jahrzehnte, ja ein Jahrhundert gedauert hat, in einem Lande den Manchester-Kapitalismus zu einer sozialen und ökologischen Marktwirtschaft zu zügeln, so wird es Jahrzehnte dauern, bis die globale Wirtschaft mit sozialen, ökologischen und ethischen Regeln versehen ist. Sie werden sich in den Gatt/WTO-Verträgen, im internationalen Währungsfonds und in andern multilateralen Organisationen niederschlagen. Die heutige globalisierungskritische Bewegung von Seattle, Porto Alegre und Florenz ist ein
neuer Meilenstein in diesem langjährigen historischen Prozess der internationalen Zivilisierung des globalen Kapitalismus.

Die Erklärung von Bern hat 35 Jahre lang in diesem historischen Prozess aktiv mitgewirkt und den Sinn für eine globale Ethik geprägt. Sie ist von der neuesten Geschichtsschreibung zu Recht als Pionierin für den Gedanken der internationalen Solidarität in der schweizerischen Aussenpolitik registriert worden(1).

Bern, 10. März 2003
Rudolf Strahm


(1) Schweizerisches Bundesarchiv: Studien und Quellen Band 19, Hsg. von Peter Hug und Beatrix Mesmer: Studie von Renate Spörri: Der Einfluss der Erklärung von Bern auf den Bund. Von denAnfängen in der ökumenischen Bewergung 1968 bis zum Bundesgesetz über Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe 1976 S. 550-569