EvB - vom Manifest zur Institution (Referat Anne-Marie Holenstein)
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Die Erklärung von Bern - Vom Manifest zur Institution
Anne-Marie Holenstein
Referat Anne-Marie Holenstein

Im Text der „Erklärung von Bern“ manifestierten sich vor 35 Jahren gleichzeitig ein neues politisches Bewusstsein und eine neue Theologie, welche die Neuordnung von Gesellschaft und Welt als ihre Aufgabe verstand. Die neue Denkweise hatte ihre Wurzeln im Umfeld internationaler oekumenischer Konferenzen der 60er Jahre, wo sich die jungen Kirchen der Dritten Welt mit Nachdruck zu Wort meldeten. Ohne sie wäre die „Erklärung von Bern“ nicht entstanden.

Der Sozialethiker und Wirtschaftswissenschafter André Biéler griff die Forderungen, die sich aus der neuen Sicht auf die Nord-Süd-Beziehungen ergaben, auf und formulierte 14 Thesen zuhanden des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes. Er verlangte u.a. den Einsatz der Kirchen für die Investition von 3 % des Nationaleinkommens zuhanden der Entwicklungshilfe. Zu diesem Zweck sollten die Rüstungsbudgets entsprechen gekürzt werden. Die offiziellen Kirchengremien zeigten keine Kooperationsbereitschaft.

Eine Gruppe sozialethisch engagierter Theologen beschloss darum, die Schweizer Öffentlichkeit ohne Unterstützung der Kirchen für ihre Anliegen zu gewinnen. An zwei Tagungen im Evangelischen Tagungszentrum Gwatt erarbeiteten André Biéler, Lukas Vischer und Max Geiger im Januar und März 1968 mit 100 Teilnehmenden ein 12-Punkte-Programm für die Veränderung der schweizerischen Beziehungen zur Dritten Welt. Am 9. Januar 1969 übergaben sie an einer Pressekonferenz das Manifest als „Erklärung von Bern“ mit den Unterschriften von 1000 Erstunterzeichnenden dem Vorsteher des EPD, Bundesrat Willi Spühler.

Selbstbesteuerung und politisches Bekenntnis

Es war eine Erklärung, welche die ethnozentrischen Auffassungen von „nachholender Entwicklung“, die im Kalten Krieg gang und gäbe waren, konsequent überwand, indem sie von einer ganzheitlichen politischen Betrachtung der Nord-Süd-Beziehungen ausging und damit Forderungen nach Strukturveränderungen in den Handels- und Finanzbeziehungen verband.

Bezeichnenderweise interessierten sich Medien und Öffentlichkeit weniger für diesen Kern der Botschaft. Zu reden gab vielmehr die Selbstverpflichtung der 1000 Erstunterzeichnenden, die versprachen, während drei Jahren 3 Prozent ihres Einkommens einem frei gewählten Hilfswerk zukommen zu lassen, um im Sinne einer Selbstbesteuerung ihren politischen Forderungen Nachdruck zu verleihen. Ein neuer karitativer Spenderkreis für Entwicklungshilfe? So hatten es die geistigen Väter der „Erklärung von Bern“ nun gerade nicht gemeint.

Ein Manifest wird ungeplant zur Institution

Nach der erfolgreichen Lancierung setzte sich das Patronatskomitee zum Ziel, möglichst viele Unterschriften zu sammeln und damit eine breite Auseinandersetzung mit den politischen Forderungen der „Erklärung von Bern“ in Gang zu bringen. Es beauftragte Anne-Marie Holenstein, „für ein paar Monate“ ein provisorisches Sekretariat zu errichten. Als sie am 1. März 1969 diese Tätigkeit aufnahm, dachte niemand an die Gründung einer Organisation oder an systematische Lobbyarbeit. Vermutlich gingen die Theologen davon aus, aufklärerische politische Verkündigung würde irgendwie von selbst die geforderten Veränderungen bewirken.

Neben der Unterschriftensammlung, die nun auch in katholischen Kreisen erfolgreich anlief, kam bald die Idee auf, den 1. August 1969 mit den Forderungen der „Erklärung von Bern“ zu besetzen und Rednerinnen und Redner mit einer Dokumentation zu unterstützen. Gleichzeitig lud das Komitee Kantone, Politische Gemeinden und Kirchgemeinden zur Unterzeichnung des Manifests ein.

Erster Schritt in die Lobbyarbeit und Vereinsgründung

Unter dem Eindruck der ersten Erfolge wandelte sich das Selbstverständnis des Patronatskomitees. Es beschloss Ende 1969, die „Erklärung von Bern“ sollte vorderhand weiterbestehen, weil sie die einzige schweizerische Bewegung sei, die entwicklungspolitische Aktionen durchführe. Mit einer kritischen Stellungnahme zur Beteiligung der Schweizer Industrie am Staudammprojekt Cabora Bassa in Moçambique vollzog das Komitee den Schritt in die Lobbyarbeit. Am Horizont tauchte auch bereits die Frage der Beteiligung am Abstimmungskampf um die Waffenausfuhr-Initiative auf.

Nach intensiven strategischen Diskussionen vollzog das Komitee am 14. November 1970 den Schritt vom Manifest zur Vereinsgründung. Es ergänzte gleichzeitig das ursprüngliche Manifest mit einem Text zu den „Aufgaben der Schweiz im zweiten Entwicklungsjahrzehnt“. Darin wurden unter dem Einfluss der lateinamerikanischen Dependenztheorien die Forderungen aus dem Jahr 1968 um einiges klarer, radikaler und konkreter weiter entwickelt.

Erfolgreiche Kampagnen – Projekt EvB abschliessen oder ausbauen?

Neben der Beteiligung am Abstimmungskampf zur Waffenausfuhrinitiative war es vor allem die Aktion Kaffee Ujamaa, mit der sich die Erklärung von Bern in breiten KonsumentInnenkreisen bekannt machte. Später folgte die legendäre Jute-Tasche und – in Zusammenarbeit mit Hilfswerken - die Gründung der Importgesellschaft OS3, die das Fundament für den Fairen Handel legte.

Fortan war es das Markenzeichen der „Erklärung von Bern“, Informationen über die Beziehungen der Schweiz zur Dritten Welt mit sozialer und politischer Aktion zu verbinden.

Das ungestüme Wachstum der jungen Organisation war möglich dank der Freiwilligenarbeit der Komiteemitglieder und der Beteiligung vieler Basisgruppen. Doch das Einfrausekretariat stiess an die Grenzen des Möglichen. Die Aktion „Erklärung von Bern“ abschliessen oder ausbauen? Vor dieser Frage stand das Komitee 1974. Es wagte den Ausbau des Sekretariats mit drei Fachbereichen und dem Dreierteam mit Regula Renschler, Rudolf H. Strahm und Anne-Marie Holenstein.


Bern, 10. März 2003
Anne-Marie Holenstein