Das Weltwirtschaftsforum (WEF) (27.09.04)
Das Weltwirtschaftsforum (World Economic Forum - WEF) ist eine private Institution mit Sitz in Genf, die 1971 von Professor Klaus Schwab gegründet wurde. Seit 1977 ist das WEF eine von Mitgliedern getragene Stiftung, die von Klaus Schwab präsidiert wird. Mitglieder sind die weltweit 1000 grössten privaten Wirtschaftsunternehmen. Voraussetzung für eine Mitgliedschaft ist ein Jahresumsatz von mindestens einer Milliarde US Dollar. Der Mitgliederbeitrag für die Unternehmen beträgt jährlich rund 15'000 US Dollars. Zu den nötigen Qualifikationen gehört zudem die Führerschaft in Zukunftsindustrien.
Das Jahrestreffen in Davos
Die wichtigste vom WEF organisierte Rencontre, das Jahrestreffen, findet jeweils im Januar in Davos statt. Es ist weltweit das grösste privat initiierte Elitetreffen. Daneben veranstaltet das WEF eine Reihe regionaler Treffen, zum Beispiel in den USA, in Indien oder ein europäisches in Salzburg. Klaus Schwab hat sich zur Aufgabe gemacht, auf der WEF-Plattform die weltweit einflussreichsten Meinungsführer und Entscheidungsträger miteinander zu vernetzen, um welt- und insbesondere wirtschaftspolitische Fragen zu erörtern und Konsens bezüglich der zukünftigen Politikentwicklung zu erreichen. So spielt das WEF eine führende Rolle als Ideologieproduzent und hatte massgeblichen Anteil an der Durchsetzung der neoliberalen Agenda im letzten Jahrzehnt. Katalysatoren dieses Prozesses sind namentlich die WEF-Mitglieder. Wer bezahlt, möchte auch den Ton angeben; deshalb erstaunt es nicht, dass – gerade auch am WEF – letzlich vor allem die wirtschaftlichen Interessen bedient werden. Da kann auch das wohlklingende Gelöbnis des WEF, für eine Verbesserung der Weltlage einzutreten ("Committed to improving the state of the world“), nicht darüber hinweg täuschen. In der Vergangenheit haben die vom WEF organisierten Treffen beispielsweise zur Lancierung der Uruguay-Runde des GATT (General Agreement on Tariffs and Trade), dem Vorläufer der Welthandelsorganisation (WTO) beigetragen und Vorgespräche im Hinblick auf die Gründung der NAFTA (North American Free Trade Association) ermöglicht. Es sind Meilensteine im globalen Liberalisierungsprozess, welcher den transnationalen Unternehmen stets neue und erleichterte Marktzugänge sichert, nicht selten auf Kosten der Umwelt und ungeachtet der wirtschaftlichen Bedürfnisse in ärmeren Ländern.
Die Gäste in Davos
Zum Davoser Gipfel werden neben rund tausend Firmenchefs als Vertreter der Forumsmitglieder auch eine Anzahl hochrangiger Politiker, renommierter Wissenschafter, angesehener Medienkonzerne und nur einige wenige handverlesene zivilgesellschaftliche Vertreter (Gewerkschaften, NGOs) eingeladen. Die globale Elite setzt sich fast ausschliesslich aus privilegierten Männern zusammen; der Frauenanteil am Davoser Forum liegt weit unter zehn Prozent. Das WEF ist also ein unausgewogenes Gremium und weit davon entfernt, alle gesellschaftliche Gruppen in die Diskussion um globale Fragen einzubeziehen. Die Einladung erfolgt ad personam und wird nicht jedes Jahr automatisch erneuert. Dieser Einladungsmodus verstärkt den Exklusivitätscharakter und gibt den Gästen das gute Gefühl, zum Kreis der Global Leaders zu gehören. Die Gäste sind mitunter Mitglieder der verschiedenen Clubs, welche das WEF ins Leben gerufen hat: Beispielsweise der Club der „Global Leaders of Tomorrow“ (Globale Führer von morgen), der „World Media Leaders“ (Führer der Weltmedien) oder der Club der „Industry Governors“ (Industriekapitäne). Die Clubstruktur und der informelle Rahmen der Begegnungen am Forum sind ideale Voraussetzungen, um Loyalitätsstrukturen zwischen Wirtschaft, Staat und Schlüsselakteuren der Zivilgesellschaft zu schaffen. Wer in solche Strukturen eingebunden ist, unterstützt einander und geht sparsam mit Kritik um.
Themen des WEF
In den ersten Jahren nach der Gründung des WEF standen Management-Theorien im Zentrum der Diskussionen. Die Öffnung hin zur Weltwirtschaftspolitik bzw. zu gesellschaftlichen Fragestellungen erfolgte gegen Ende der siebziger Jahre. Mitte der neunziger Jahre wurde der Themenkreis nochmals ausgeweitet, sodass seither neue Entwicklungen und Errungenschaften in den Bereichen Technik und Forschung in Davos ebenfalls auf der Tagesordnung stehen. Gemäss Klaus Schwab verfolgt das WEF den Anspruch, Trends in den genannten Bereichen frühzeitig zu erkennen und innerhalb der globalen Elite zum Diskussionsgegenstand zu machen. Darüber hinaus will es die Herausbildung von Konsens hinsichtlich eminenter Themen moderieren. Damit umgibt sich das WEF gleichsam mit der Aura des Fortschrittkatalysators und fungiert mittels aktivem Agendasetting auch als (interessengeleiteter) Trendsetter.
Frühzeitig erkannt hat Klaus Schwab auch den Widerstand gegen die einseitig wirtschaftliche Globalisierung, welche am und vom WEF selbst im neoliberalen Aufbruch der neunziger Jahre propagiert wurde. Mit der Übernahme der globalisierungskritische Agenda und Terminologie versucht er seit Ende der neunziger Jahre den bedrohlichen kritischen Diskurs zu integrieren (so hiess zum Beispiel das Motto des Davoser Gipfels 1999 „Responsible Globality: Managing the impact of Globalization“ – Globalisierung mit Verantwortungsbewusstsein: Die Auswirkungen der Globalisierung in den Griff bekommen). Dies kann als Versuch verstanden werden, Kritik zu kontrollieren oder gar zu neutralisieren und dem Protest gegen seine Institution und ihre Unternehmensmitglieder die Spitze zu brechen. Auch das Open Forum, welches erstmals 2003 parallel zum offiziellen Jahrestreffen gemeinsam mit gemässigten zivilgesellschaftlichen Organisationen organisiert wurde, ist in diesem Licht zu sehen.
„Partnerschaft für Sicherheit und Wohlstand“ ist denn auch der Arbeitstitel des WEF-Jahrestreffens 2004. Diese Mottoauswahl verleiht der Behauptung Nachdruck, das WEF sei die geeignete Plattform für Multistakeholder-Dialoge. Das WEF als eine von Unternehmensmitgliedern getragene Institution kann aber kein neutrales Forum sein, wo sich die unterschiedlichen Anspruchsgruppen gleichberechtigt einbringen können. Dies bestätigt auch eine unabhängige, von der Stiftung „In the Spirit of Davos“ in Zusammenarbeit mit der Sozialforschungsstelle der Universität Zürich durchgeführte Studie (www.spiritofdavos.ch/News_Medien/Docs/Schlussbericht.doc). Das Motto „Partnerschaft für Sicherheit und Wohlstand“ kann zudem auch als Chiffre für die seitens der Wirtschaft propagierten „Public-Private-Partnerships“ gesehen werden. In der Realität bedeuten diese Partnerschaften nichts anderes als die Privatisierung von öffentlichen Dienstleistungen, was insbesondere im Bereich der Grundversorgung problematisch ist. Mit dem „Public-Private-Partnership“-Konzept gelingt es den privatwirtschaftlichen Akteuren, von Kritik und der Forderung nach einer stärkeren Regulierung von transnationalen Unternehmensaktivitäten abzulenken, und sich als „gute Wirtschaftsbürger“ sowie geeignete Partner der Staatengemeinschaft zur Lösung globaler Probleme anzupreisen.
Rückblick auf die letzten Jahrestreffen
Das Jahrestreffen 2002 fand nicht wie üblich in Davos, sondern in New York statt. Mit diesem Transfer wollte das WEF gemäss eigenen Aussagen ein Zeichen der Solidarität setzen. Vorausgegangen waren diesem Entscheid für einen (vorübergehenden) Standortwechsel aber auch politische Auseinandersetzungen in der Schweiz. Die Behörden konnten bis im November 2001 keine definitive Zusage machen, die Sicherheit der WEF-Teilnehmenden gewährleisten zu können.
Aus Aktualitätsgründen wurden am WEF-Jahrestreffen in New York unter dem Motto „Führung in schwierigen Zeiten“ ("Leadership in Fragile Times") unter anderem Themen diskutiert wie: Freiheit und Sicherheit für alle, Dialog der Kulturen, Armut als eine Ursache des Terrorismus, Armutsbekämpfung sowie nachhaltiges Wirtschaftswachstum. Diese Themenwahl darf nicht darüber hinweg täuschen, dass das WEF ein elitäres, von der Wirtschaft dominiertes und finanziertes Gremium ist und bleibt, das aufgrund der unausgewogenen Zusammensetzung nicht geeignet ist, globale Herausforderungen anzugehen. Mit der Auswahl von Themen, mit denen sich seit Jahren die NGOs beschäftigen, wollen sich das WEF und seine Mitglieder als Problemlöser präsentieren. Tatsache ist indes, dass die transnationalen Konzerne für globale Missstände mitverantwortlich sind oder zumindest davon profitieren.
„Vertrauen bilden“ hiess das Motto der WEF-Jahresversammlung 2003. Bilanzfälschungen und betrügerisches Verhalten in den Teppichetagen von Konzernen haben die Glaubwürdigkeit der Wirtschaft in den vergangenen Jahren unterminiert. Das gilt es wieder gut zu machen. Die WEF-Mitglieder haben das WEF als PR-Plattform zu nutzen gewusst. Zu Themen wie „Handel und Armut“ schwadronierend, haben sie sich als Avantgard in Sachen engagiertes Unternehmertum präsentiert. Verbindliche Zusagen für eine Veränderung ihrer mitunter menschenrechts- und umweltverachtenden Geschäftspraxis blieben aber aus.
In der Anfangszeit des WEF ging es noch nicht um Weltwirtschaftspolitik oder gesellschaftliche Fragestellungen. Im Zentrum standen Management-Theorien. Die Öffnung hin zu global-politischen Themen erfolgte ab Mitte der siebziger Jahre. Seit Mitte der neunziger Jahren ist der Themenkreis jeweils noch breiter, und neue Errungenschaften in Technik und Forschung finden ebenfalls Eingang in die WEF-Agenda. Damit mutierte das WEF zum Trendsetter.
Links:
Offizielle Website des WEF
Teilnehmerliste WEF-Jahrestreffen 2004
Worldlink - WEF-Zeitschrift
WEF-Mitgliedsunternehmen
WEF-Ausschuss der Bündner Regierung
Wissenschaftlicher Artikel von Jean-Christophe Graz über transnationale Eliten und das WEF (nur Englisch oder Französisch verfügbar)


